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Alltagsbewusstsein

Mit Alltagsbewusstsein ist das Bewusstsein gemeint, in dem wir uns als Menschen in der Regel befinden. Es ist geprägt von den Einflüssen der Kultur und dem Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind. Dabei ist vor allem das Bild, das wir von uns selbst in unserem Bewusstsein haben, von besonderer Bedeutung.

Mentales oder Rationales Bewusstsein

Entscheidend für dieses Bewusstsein ist, dass es über ein Ich verfügt. Jedem einzelnen Ich als Subjekt steht ein Objekt gegenüber. Als Folge dieses Ich-Bewusstseins nimmt der Mensch sich getrennt von allem anderen wahr. Es ist die Grundlage des dualistischen Denkens. Mit dieser Erfahrung von Getrenntsein ist dann auch der Beginn von Angst verbunden. Die Sehnsucht nach Einheit aber ist geblieben. Sie ist untrennbar mit der Natur des Menschen verbunden.

Die größte Angst des Menschen ist dabei die Angst vor der Leere. Diese Angst führt dazu, dass er sich zwanghaft mit etwas identifiziert, um das Gefühl zu haben, zu existieren und etwas zu sein. Diese Identifikationen sind die Grundlagen für das Bewusstsein von Trennung und von Isoliertsein. Damit ist auch die Erfahrung von Einsamkeit verbunden. Wie der Mensch irgendwie versucht, mit diesem Bewusstsein von Trennung fertigzuwerden, wird sehr gut im folgenden beschrieben.

Definition aus der Yoga-Philosphie

Eckhart Wolz- Gottwald hat in seinem Yoga-Philosophie-Atlas (Verlag Via Nova) das Alltagsbewusstsein sehr einleuchtend beschrieben. Hier eine leicht gekürzte Textfassung aus diesem Buch:

"Das Alltagsbewusstsein ist das Bewusstsein des Menschen, wie wir es zunächst und zumeist vorfinden. Bewusstsein beginnt damit, dass sich der Mensch sich selber und der Welt bewusst wird. Mit dieser großen Errungenschaft öffnet er sich jedoch auch für ein grundlegendes Leiden. Er wird sich selbstbewusst und musst dabei die Welt und letztlich auch sich selbst als vergänglich wahrnehmen. Die Menschen und mit ihnen die gesamte Welt unterliegen der Zeit. Und alles, was zeitlich ist, muss vergehen. Nun bedeutet Vergänglichkeit an sich noch kein Leiden. Das Leidens entsteht erst dann, wenn der Mensch an dem Vergänglichen festhält.

Das Alltagsbewusstsein ist gerade durch dieses vergebliche Festhalten an diesen vergänglichen Dingen der Welt bestimmt. Und doch erfährt der Mensch nicht nur Leiden. Dies liegt vor allem daran, dass im Alltagsbewusstsein Mechanismen entwickelt wurden, das Leiden durch eine äußere Stabilität auszugleichen.

Als erstes ist hier die Verdrängung alles Leidens zu nennen, die Unbewusstheit. Wenn der Mensch nicht daran denkt, dass sein Wohlstand, seine Freunde und auch er selbst einmal vergehen, wenn er die Vergänglichkeit der Welt verdrängt, dann vermeidet er auch das Leiden an ihr. Die zahlreichen äußeren Glücks-Erfahrungen können als zweites Moment gelten. Durch die Befriedigung sexueller und anderer Begierden, durch die Ansammlung von Wohlstand und auch durch Anerkennung und Belohnung von erfolgreichem Handeln entsteht Glück. Es handelt sich zwar nur um äußeres Glück, da die Ursache dieser Glücks Erfahrungen außerhalb des Menschen liegt. Die Erfahrung äußeren Glücks vermag jedoch immer wieder das Leiden in der Welt auszugleichen und so das Alltagsbewusstsein zu stabilisieren. Aber noch ein drittes Moment ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Es ist der Glaube, dass diese vergängliche Welt doch wieder durch eine Ordnung zusammengehalten wird. Es ist der Glaube an Gesetze, nach denen alles funktioniert, an Normen und Gebote, nach denen sich der Mensch zu richten hat.

Durch diese außer Stabilität ist es dem Menschen möglich, das Leiden an der Vergänglichkeit auszugleichen und Halt in ihr zu gewinnen. Der Mensch ist gebunden an die Glückserfahrungen sexueller Befriedigung, ist gebunden an die Anerkennung und das Lob der Mitmenschen, ist gebunden an den Glauben an die eine wahre Lehre, die sagt, was als richtig und was als falsch angesehen werden muss. Würden alle diese Dinge wegfallen oder sich als falsch erweisen, so ging auch ihr bindender Halt verloren. - Das Alltagsbewusstsein funktioniert nur, wenn durch Verdrängung, äußeres Glück oder Glauben an Lehren das Leiden ausgeglichen werden kann und so das Gleichgewicht der Gebundenheit entsteht. Ist das Alltagsbewusstsein im Gleichgewicht, so erscheint es vielen nicht mehr nötig, den Weg des Yoga (Anm.: d.h. einen spirituellen Weg) zu gehen. So ist es möglich, dass der Mensch zwar abhängig und gebunden und ohne jegliche spirituelle Tiefe lebt, aber doch weitgehend stabil. Zumeist mag dieser Zustand sogar bis zum Lebensende andauern.“

Religionen in der Dualität

Was im Kapitel zuvor ausgedrückt wurde, dass nämlich zu dieser scheinbaren Stabilität auch der Glaube an etwas gehört, was die Welt irgendwie wieder zusammenhält, kann auch aus christlicher Sicht noch ergänzt werden. Auch in unserer christlichen Kultur existiert der Glaube an eine höhere Instanz, die wir Gott nennen. Im Yoga-Atlas wird als Beispiel hier der Glaube an die eine wahre Lehre des Yoga oder das Festhalten an den Richtlinien des Meisters genannt.

Wenn es einen Gott gibt, der auch als Objekt dem Menschen gegenüber steht, dann ist diese dualistische Sichtweise in den westlichen Religionen auch mit verantwortlich für die schrecklichen Folgen, die aus diesem Glauben an eine getrennte höhere Instanz herrühren. Dabei heißt es auch in den christlichen Religionen, das es nur eine Sünde gibt: die Sünde wider den heiligen Geist. Das Wort Sünde trägt bereits das Absondern in sich. Wer sich also getrennt von diesem „Einen Geist“ wahrnimmt, ist in der Sünde, so könnte man folgerichtig daraus schließen. Der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger, beklagt, dass die christlichen Religionen die Beziehung zur Mystik, die nichts anderes als eine Überwindung dieses dualistischen Bewusstseins bedeutet, verloren haben. Dies gilt für alle theistischen Religionen, die dieses dualistische Bewusstsein als Grundlage haben. Die Glaubenssätze werden mit dem Verstand aufgenommen und erläutert. In der mystischen Erfahrung werden jedoch Verstand und Denken überschritten. Diese Erfahrung findet im transpersonalen Bewusstseinsraum, das heißt im Bereich des Nicht-Denkens statt. Jede so genannte mystische Erfahrung ist somit identisch mit einer transpersonale Erfahrung, bei der die Grenzen des dualistischen Bewusstseins überschritten werden. Es ist die Erfahrung von Einheit und Ganzheit, von Liebe und Verbundenheit.

In Buddhismus gibt es daher keinen Glauben an einen Gott. Auch das Selbst wird als Subjekt, das Objekt dem gegenüber steht, geleugnet. So gibt es hier auch weniger Theologie mit Glaubenssätzen. Die Erfahrungen des einzelnen Menschen stehen hier im Vordergrund. So sagt ein weiser Buddhist, dass es ohne dieses Selbst (Ich) keine Probleme gibt. Das heißt, Probleme entstehen nur, wenn ich mich einem Konzepts eines Ichs identifiziere.