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Jean Gebser

Jean Gebser (1905 – 1973) war Philosoph und einer der ersten kulturwissenschaftlich orientierten Bewusstseinsforscher, die ein Strukturmodell der Bewusstseinsgeschichte des Menschen etabliert haben. Man kann ihn durchaus nach Teilhard de Chardin als einer der Väter dieses inzwischen verbreiteten Begriffs Neues Bewusstsein bezeichnen. Leider ist er viel zu wenig bekannt.

In seinem Werk "Ursprung und Gegenwart " stellt Jean Gebser vier Bewusstseinsmutationen. Es sind: die archaische, die magische, die mythische und die mentalen Struktur. Mutare heißt einen Sprung machen.“ Es geht also hier um Bewusstseinsprünge der Menschheit. Hier die beschriebenen Bewusstseinsarten:

Das archaische Bewusstsein

Dieses Bewusstsein ist quasi das Ursprungsbewusstsein, das den meisten nicht mehr bewusst ist. Es ist jene ursprüngliche Struktur in uns, die unseren Mut zum Leben und unsere Bewahrung durch das Leben ermöglichen. Gebser erklärte es in einem Gleichnis: „Es ist der Paradieszustand, da der Mensch selbst noch ganz und gar eingeschlossen und undifferenziert und ungeschickten vom Kosmos, vom All, von Gott, oder wie man es auch immer benennen kann, lebt.“

Das magische Bewusstsein

In seiner Mutation zum magischen Bewusstsein „erhielt der Mensch einen eigenen Stand innerhalb des Ganzen, der Identität. Er fing an, in einer gewissen noch sehr schlafhaften weisen, der Welt gegenüberzustehen. Der magische Mensch bildet nicht mehr eine Identität, aber er bildet noch eine Einheit, eine Unität mit allem, was ihn umgibt..... „Es ist jene Sphäre des Lebens, die der Wurzelbereich des Lebens ist..... Im magischen Bereich sind die Dinge immer alle gleichzeitig vorhanden und gegeben, sie fallen den Menschen wirklich zu, und vor allen Dingen: Er versucht erstmals sich als Mensch der Natur gegenüberzustellen, dieser Natur, in der er noch ganz eingebettet ist....Der magische Mensch ist ichlos, sowie das Kleinkind ichlos ist.

Das mythische Bewusstsein

Aus dem magischen Schlafbewusstsein erwachend, formt sich das aus, was als die mythische Bewusstseinstruktur bezeichnet wurde. Mythisch ist das Einander-Sich-Ergänzende. Die Seele und ihrer Bilderwelt, der Traum, sowohl der individuelle Traum als auch die Mythen der Völker, die gewissermaßen die kollektive Träume der Menschheit sind, sind einander verwandt, vor allem aber sind sie, einerseits menschheitlich, andererseits individuell gesehen, Ausdrucksformen des mythischen Bewusstseins... Der mythische Mensch ist bereits ein Mensch des Traumbewusstseins. Anstatt der Unität, in der sich der magische Mensch befindet, ist es für den mythischen Menschen die Polarität, das einander Ergänzende.... Zum ersten Mal erhält der Mensch ein reflexives Bewusstsein dessen, was Zeit ist. Er nimmt bewusster als der magische Mensch zumindest an dem kosmischen und naturhaften Zeitablauf teil... Beim mythischen Menschen war sein Ich noch nicht erwacht. Er lebte im ,Wir’.“

Das mentale Bewusstsein

Gebser bezeichnet das, was sich am Ende der mythischen Zeit entwickelte, „als etwas absolut Überwältigendes, das für die damalige Menschheit in demselben Maße beängstigend, schmerzhaft, Unruhe stiftend und Weltuntergangsvorstellungen auslösend war, wie das, was heute in unseren Tagen geschieht. Damals war es der Sprung aus dem mythischen Bereich in den mentalen Bereich, der heute noch in unserer Art zu leben und die Welt zu betrachten, vorherrschend ist. Damals spielte sich dieses Geschehen für uns in Griechenland ab. Seit etwa 500 v.Chr. konsolidierte es sich, nachdem es sich schon einige hundert Jahre vorher angebahnt hatte. Damit erwachte der Mensch gewissermaßen zum Tagesbewusstsein.“ Mit diesem Erwachen zum mentalen Bewusstsein wurde das Ich geboren: „Ich bin der und der, und ihr seid die anderen. Diese Ichfindung ist für den mentalen Bereich konstituierend. Erst seitdem gibt es das, was wir Philosophie und eine Frühform der Wissenschaft nennen... Zum ersten Mal wird nicht einfach gesagt, das und das ist so, sondern der Mensch spricht mit den Mitmenschen. Er vermittelt ihm sein Wissen nicht mehr durch einfache Aussagen, einen Bericht oder eine symbolische Schilderung, sondern im Dialog....In diesem mentalen Denken der Menschen wird ihm außer der Seele auch das bewusst, was ihm deutlich gegenübersteht: der Raum.“

Das integrale Bewusstsein

Gebser geht davon aus, dass wir wieder in einer neuen Bewusstseinsmutation stehen, das uns aus dem mental-rationalen in das integrale Bewusstsein führt. Die Notwendigkeit für einen neuen Bewusstseinsprung, erklärt Gebser unter anderem damit, dass seit etwa Anfang dieses Jahrhunderts unserer Art zu denken, die Welt darzustellen und die Welt zu erfassen, fragwürdig geworden sind.

Die Notwendigkeit für einen Bewusstseinssprung

Passagen von Gebser zur Notwendigkeit einer neuen Mutation der Menschheit:

"Wenn wir die augenblickliche Welt Situation und die augenblicklich noch vorherrschende Tendenz zum Pragmatischen betrachten, so dürfte es jedem klar werden, dass wir mit der Haltung, die wir bisher angenommen haben, nicht weiterkommen.“ Dagegen ist die Tatsache, dass die vier Hauptpfeiler * unserer Denkweise erschüttert wurden, eines der zahlreichen Symptome, die uns darauf hinweisen, dass ein Umbruch, eine neue Mutation, die ins integrale Bewusstsein führt, stattfindet. Wir haben da, was unsere Lebensgestaltung anbetrifft, Glück, denn diese Mutationen stellt an uns die Forderung, die das Leben von eh und je an uns gestellt hat: dass wir alles, was vorhanden und bewusstseinsmäßig erfasst ist, integrieren. Ein kleines Beispiel dafür hat uns die Kernphysik gegeben. Wenn ein mythischer Mensch ‚Sowohl-als-auch’ sagt, ist das ganz etwas anderes, als wenn ein Mensch, der das Mentale oder Rationale, das nur das ‚Entweder-Oder’ kennt, überwunden hat, wieder fähig wird zu sagen, dass die Wirklichkeit außer der Entweder-Oder-Möglichkeit auch noch die Sowohl-als-auch-Struktur enthält und wir dank oder trotz unserer Logik fähig sind, das zu akzeptieren, ohne dass es in Widerspruch gerät zum aristotelischen Denken.“

„Magisch gesehen sind wir ichlos, mythisch gesehen sind wir wirhaft, mental gesehen ichhaft. Diese Ichhaftigkeit führte aber rational gesehen zur Ego-Hyphothrophie, zur Ich-Überbetonung und damit zur Isolation, zu jener Beziehungslosigkeit, der wir heute überall begegnen."

"Wohin führt es? Der Weg des Menschen sollte von der Ichlosigkeit über die Ichhaftigkeit zur Ichfreiheit führen. Es gibt ichlose Momente im Leben, es gibt ichhafte. Unser Versuch sollte es sein, wenn wir es uns selber überlegen, was und wie wir sind, ichfrei zu werden. Das würde sagen: frei sowohl von Ichlosigkeit als auch von Ichhaftigkeit, oder besser noch: so frei, dass wir über sie nach Bedarf und Umständen, die es erfordern, ichlos oder wirhaft oder ichhaft, bewusst verfügen können."

"Zu allererst müssen wir uns selber in Ordnung bringen, in die Ordnung, die größer ist als wir. Und ich glaube, wenn wir versuchten, diese Souveränität über uns selbst zu gewinnen, dann könnten wir das vollbringen, was die Weltsituation und das Weltbewusstsein von uns fordern, dass wir nämlich mit unserer Arbeit an uns selber, durch die Integration all dessen, was uns konstituiert, einen Beitrag an die Erhaltung der Welt und der Menschheit zu leisten. Denn wenn das nicht gelingen sollte, so liegt es nicht an den Umständen, sondern an dem Versagen derer, welche die Überwachheit des neuen, integralen Bewusstseins und damit die Ich-Freiheit nicht realisierten. Ohne diese Lebensgestaltung wird das neue Bild vom Menschen ein Wunschtraum bleiben, der dann kein Erwachen kennen wird, weil ohne sie Welt und Menschheit zum Tode verurteilt sind.“

*Diese 4 Hauptpfeiler waren die euklidische Geometrie, aristotelische Logik. die demokritische

Atomlehre und die aristarchische Lehre von der Heliozentrik.

(Quelle Jean Gebser „Ausgewählte Texte“, Goldmann- Verlag)

Hier gibt Jean Gebser bereits eine klare Antwort auf die Frage, ob wir durch veränderte Einstellungen zu uns selbst und eine daraus resultierende Lebensweise nicht nur Einfluss auf das kollektive Bewusstsein nehmen können, sondern dass wir auch eine Verantwortung für die weitere Existenz der Menschheit haben.